Die Orgeln in der Liebfrauenkirche in Hildesheim

Die Pfeifenorgel in der Liebfrauenkirche wurde 1972 von der Firma Hillebrandt (aus Altwarmbüchen) erstellt. Sie umfasst 20 klingende Register, verteilt auf 2 Manuale und Pedal. Aufgrund der direkten Nachbarschaft von Liebfrauenkirche und Universität ist die Orgel der Liebfrauenkirche auch ein gefragtes Übungs- und Unterrichtsinstrument für Studenten. Die Orgel erklingt nicht nur zu sonntäglichen Gottesdiensten, sondern oft auch noch zu später Nachtzeit, wenn Studenten der Universität oder Kirchenmusiker der Liebfrauengemeinde im Hause Gottes musizieren.

 

Die Register Disposition:

 

Hauptwerk Schwellwerk Pedal
Koppeln
Quintade 16` Holzgedackt 8´ Subbaß 16´ SW / HW
Prinzipal 8´ Blockflöte 4´ Offenbaß 8´ HW / Pedal
Rohrflöte 8` Nasat 2 2/3´ Piffaro 2fach SW / Pedal
Oktave 4´ Prinzipal 2` Fagott 16´
Nachthorn 4´ Terz 1 3/5´
Waldflöte 2´ Largiot 1 1/3´
Mixtur 5fach Scharf 4fach
Trompete 8´ Rohrschalmay 8´
Tremulant


 


Die Pfeifenorgel auf der Empore in der Liebfrauenkirche

 

 

 

Das Hauptwerk mit 8 Registern

 

 

Das Schwellwerk mit 8 Registern.

Mit den Lamellentüren kann die Lautstärke der Pfeifen variiert werden.

Links und rechts die beiden großen Pedaltürme (C-und Cis-Seite) mit 4 Bass-Registern

 

 

Der vor der Orgel freistehende Spieltisch mit 2 Manualen und Pedal

 

Übung macht den Meister - viele fleißige Finger haben sich durch
jahrelanges Spielen in den Hartholzbelag des Hauptwerkmanuals eingegraben…

 

 

Tiefe Basstöne (= die größten Pfeifen) spielen Organisten mit den Füßen.
Rechts der große Tritt zum Öffnen und Schließen des Schwellwerkes.

 

Im Folgenden erläutern wir anhand einiger Fotos die Funktionsweise der Orgel, ergänzt durch ungewöhnliche Ausblicke und Ansichten. Die Pfeifenorgel erzeugt ihre Klänge wie ein Blasinstrument, z.B. wie eine Blockflöte oder ein Saxophon, und zählt somit zu den Luftklingern (= Aerophonen).

 

Den benötigten Orgelwind für die Pfeifen liefert das Gebläse, es funktioniert wie ein Föhn.

 

 

Der Orgelwind vom Gebläse wird in einem etwa koffergroßen Magazinbalg gespeichert, der "Lunge" der Orgel. Der bewegliche Deckel dieser luftgefüllten Kammer ist mit Steinen beschwert. Ein konstanter Winddruck ermöglicht die saubere Ansprache der Pfeifen, unabhängig von der Anzahl der gespielten Töne und der Lautstärke der Register.

 

 

Am Spieltisch werden die Register eingeschaltet, hier für das Schwellwerk …

 

…und so sehen die Registerschalter von der Rückseite aus. Die Leitungen führen…

 

 

..im Orgelinneren zu einem geheimnisvollen grauen Metallkasten,
dem "Gehirn" der Orgel.

 

 

Das geöffnete "Gehirn" mit Elektronikschaltungen. Die Liebfrauenorgel
kann sich 4 unterschiedliche Register-Klangeinstellungen "merken",…

 

 

...mit elektrischen Hubmagneten werden die Register (= Pfeifenreihen) auf der Windlade ein- und ausgeschaltet: Dazu wird für jede Pfeifenreihe eine schmale Holzleiste (= Schleife) mit Löchern im Inneren der Windlade verschoben. Wenn die Löcher genau unter den Pfeifen liegen, kann Luft durch die Löcher hindurch in die Pfeifen einströmen.

 

Ein Blick auf die beiden Manuale im Spieltischinneren.

Die Auf und Ab Bewegung der Manualtasten kann auch an die Pedaltasten "gekoppelt" werden. Die Bewegungen aller Tasten werden mit dünnen gespannten Metalldrähten übertragen. Diese werden durch den hohlen Fußboden der Empore bis zur Orgel geführt…

 

… und über Hebelwippen und Wellen nach links und rechts für das Pedal, bzw. nach oben zum Schwellwerk und Hauptwerk geführt. Diesen Mechanikaufbau nennt man Traktur.

 

 

 

Die Traktur überträgt die Bewegungen von 142 Tasten (2 mal 56 Manualtasten plus 30 Pedaltasten) mit Metalldrähten, Hebeln und Wellen bis zu den Tonventilen in den Windladen.

 

 

Hier ein Blick in die geöffnete Windlade des Pedals: Das mittlere Tonventil ist aktiviert, der Orgelwind gelangt durch die darüber liegende Öffnung bis zur Registerschleife. Befindet sich diese in der richtigen Position (= Loch unter Pfeifenfuß) erklingt ein Ton! Die Windlade mit der Windversorgung, den Tonventilen und Schleifen ist das zentrale "Herz" der Orgel.

Auf der Windlade stehen die Pfeifen, hier im Bild das Fagott 16`im Pedal.

Anfangs erwähnten wir, dass die Orgel die Töne wie eine Blockflöte oder ein Saxophon erzeugt. Hierzu verwendet die Orgel für jeden Ton eine eigene Pfeife, im Gegensatz zu den genannten Instrumenten, welche mittels Grifflöchern oder Spielklappen unterschiedliche Tonhöhen bereitstellen. Insgesamt verfügt die Orgel der Liebfrauenkirche über 20 Register mit 1438 (eintausend-vierhundert-achtunddreißig) unterschiedlichen Pfeifen.

 

Blick in einen Teil des Hauptwerkes.

Besonders auffällig die Rohrflöte 8´, erkennbar durch die aufgesetzten kleinen "Schornsteine". Weiterhin gibt es Registertypen die oben offen sind (im Vordergrund) oder oben geschlossen (= Gedackt) hier die Quintade 16`. Durch verschiedene Bauformen (offenes, geschlossenes, konisches Rohr) und Abmessungen (= Mensuren) sowie durch spezielle Baumaterialien (Holz oder Orgelmetall = Blei / Zinn) ergeben sich die unterschiedlichen Klangfarben der Register.

 

Die Pfeifenlängen bestimmen die Tonhöhen, welche bei der Liebfrauenorgel von wenigen Millimetern (ganz hohe Töne) bis zu 2,40 Meter (tiefe Basstöne) reichen. Orgelbauer bemessen die Pfeifenlängen in Fuß (1 Fuß = 0,3 Meter). Die Fuß-Länge der tiefsten Pfeife eines Registers wird dem Registernamen angehängt. Beim Prinzipal 8´ hat die tiefste Pfeife eine Länge von 2,40 Meter. Ein 4´ Register erklingt eine Oktave höher (= doppelte Tonhöhe), ein 16´ Register erklingt eine Oktave tiefer (= halbe Tonhöhe). Somit können durch Registerwahl nicht nur Klangfarben variiert werden, sondern es erklingen für jede Taste auch unterschiedliche Tonhöhen. Dies erklärt die Klangvielfalt und die Klangfülle einer Orgel. Sie gilt als die Königin der Musikinstrumente.

 

Die meisten Register (= Lippenpfeifen) der Liebfrauenorgel funktionieren wie eine Blockflöte, eine Luftströmung verwirbelt sich an einem Kernspalt und bringt in Folge die Pfeife zum Schwingen (= resonierende Luftsäule in der Pfeife). Drei Register (=Zungenregister) der Liebfrauenorgel hingegen funktionieren wie ein Saxophon: Ein schwingendes dünnes Metallplättchen (= Zunge) ist verantwortlich für die Tonerzeugung und Tonhöhe, der aufgesetzte Becher hat nur noch Klang verändernde Wirkung. Die Zungenregister Fagott 16´, Trompete 8´ und Rohrschalmay 8´ haben jeweils sehr charakteristische Solo-Klänge.

 

Mitten im Hauptwerk: Gut erkennbar sind die Stimmrollen der Lippenpfeifen. Hier kann der Orgelbauer die Tonhöhe durch Änderung der wirksamen Pfeifenlänge exakt festlegen.

 

Die Mixtur 5fach im Hauptwerk von oben gesehen: Hier erklingen pro Taste gleichzeitig 5 winzige Pfeifen im Akkord. Der resultierende Klangeindruck ist spitz und schrill, wirkt aber im Zusammenklang mit tieferen Registern sehr festlich schillernd. Die Mixtur bildet klanglich den Punkt auf dem i, bzw. das berühmte Sahnehäubchen…. Am unteren Bildrand ein Blick in die trichterförmige Trompete 8´

Die Rohrschalmay 8´im Schwellwerk ist eines der drei Zungenregister: Mit dem gebogenen Draht (= Stimmkrücke) kann der Orgelbauer oder auch der Organist äußerst feinfühlig die schwingende Länge der Zunge und damit die Tonhöhe festlegen.

 

Weitere Register im Schwellwerk. vor der Rückwand das Holzgedackt 8´.

Innerer Blick aus dem Hauptwerkgehäuse heraus in das weite Kirchenschiff….

 

 

Aussicht über die Orgel hinweg zum Altarraum….

 

 

Die Fernwerk-Orgel der Liebfrauenkirche in Hildesheim

 

Im Frühjahr 2008 wurde das Schwellwerkmanual der Orgel in der Liebfrauenkirche mit einem MIDI System ausgestattet (MIDI = Music Instrument Digital Interface). Dabei wurde das MIDI System im Orgelspieltisch "auf Maß" angefertigt. Ebenfalls "auf Maß" angefertigt wurde im Sommer 2010 die Midifizierung des Pedals. Mit Hilfe von MIDI können elektronische Klangerzeuger (Digital-Piano, Sound-Expander, Computer mit virtuellen Instrumenten) über das Schwellwerkmanual sowie das Pedal, parallel zur Orgel, angespielt werden. Somit ist die Technologie einer "Kombinierten Orgel“ (Pfeife plus elektronische Klangerzeugung) in der Liebfrauenkirche verfügbar!

 

Diese Installation hat Werkstattcharakter, der Pfeifenorgelklang steht im Vordergrund, die elektronischen Klangerzeuger sind als Ergänzung gedacht. Im praktischen Umgang sollen Stärken und Schwächen moderner Klangerzeugungstechnologien erfahren, sowie unterschiedliche Lautsprecher- und Beschallungskonzepte erprobt werden. Weiterhin ermöglichen die MIDI Baugruppen der Liebfrauenkirchenorgel aufschlussreiche Vergleichsmöglichkeiten zwischen Pfeifenklang und Samplesound.

 

Die verwendete MIDI-Out Baugruppe im Schwellwerk arbeitet anschlagsdynamisch, auch percussive Instrumentalklangfarben wie Carillon, Glockenspiel, Vibraphon, Marimba oder Piano können ausdrucksstark gespielt werden. Ein Anpassen der Stimmtonhöhe der elektronischen Klangerzeuger an die raumtemperaturabhängige Tonhöhe der Pfeifenorgel ist durchzuführen! Auch bei Temperaturveränderungen im Kirchenraum sind die Zungenstimmen der elektronischen Klangerzeuger immer perfekt gestimmt, im Gegensatz zu der oft nicht einsatzbereiten, kurzbechrigen Rohrschalmay 8' im Schwellwerk der Pfeifenorgel.

 

Dem Klangerzeuger wird ein Verstärker nachgeschaltet. Er betreibt über kurze Leitungsverbindungen zwei Lautsprecher direkt vor der Orgel auf der Empore, bzw. alternativ über zwei 50 Meter Leitungspaare die beiden Fernwerk Lautsprecher über dem Altarraum. Sehr aufschlussreich für interessierte Musiker und Organisten sind die Klangresultate im Kirchenraum, die tonale Verschmelzung von Pfeifen- und Sampleklang, die Einbettung der Instrumente in den Raumhall, sowie die räumliche Echowirkung des Fernwerkes.

 

 

Gipfelblick vom Fernwerk herunter auf die Orgelempore

 

 

Blick von der Orgelempore zum Altarraum in der Liebfrauenkirche

 

 

Fernwerk Lautsprecher hoch über der Altarraumapsis

 

 

 

 

Das mit Hallsensoren auf der Unterseite midifizierte 30 Tasten Pedal

 

 

 

Im Spieltisch: Das anschlagsdynamische Midi Interface auf dem Schwellwerkmanual

 

 

 

Auf dem Orgelspieltisch stehen elektronische Klangerzeuger von Böhm (FM-Synthese), Ahlborn und Rodgers (beide samplebasiert). An der Orgel spielt der Autor dieses Beitrages.

 

Die Orgeln in der Liebfrauenkirche – Königinnen der Musikinstrumente: Aerophone und elektronische Klangerzeuger bilden zusammen einen komplexen Organismus. Hier wirken Mechanik & Elektronik, Akustik & Musik, Spiritualität & Liturgie zusammen. Orgeln sind individuell für einen Raum geschaffene Musikinstrumente, in der Kirche erklingen sie zum Lobe Gottes.

 

Der Fernwerk - Subwoofer

 

Im Herbst 2010 wurden die beiden Fernwerklautsprecher mit einem Subwoofer ergänzt. Der Tieftonlautsprecher steht über dem Fernwerk auf dem Dachboden der Kirche. Er verfügt über 130 Liter Volumen und ein 15 Zoll Langhublautsprecherchassis. Tonfrequenzen von 30Hz bis 100Hz werden mit konstanter Lautstärke wiedergegeben: 16Fuß Stimmen des Fernwerkes erklingen nun mit einem identischen Tieftonverhalten wie das Register Subbass 16´ von der Pfeifenorgel.

 

 

 

Das Endstufen Rack mit den beiden Leistungsverstärkern

für die Fernwerklautsprecher und den Fernwerksubwoofer.

 

Cembalo und Prinzipalschwebung

 

Der Rodgers MX200 Soundexpander (auf dem Foto das obere Klangmodul) wird über Lautsprecher auf der Orgelempore wiedergegeben. Möglich sind z.B. Cembaloklänge im Zusammenspiel mit der Pfeifenorgel = Clavi-Organum. Mit den mechanischen Koppeln kann das Cembalo auf beiden Orgelmanualen sowie mit dem Pedal in Kombination mit den Pfeifenregistern Gedackt 8´(SW), Prinzipal 8´(HW) und Subbass 16´(P) gespielt werden. Die Lautstärken- und Tonhöhenanpassung des gesampelten Cembalos an die Pfeifenorgel erfolgt in kürzester Zeit mit zwei Einstellreglern.

 

Mit dem Rodgers MX200 kann auch das Register Prinzipal 8´im Schwellwerk erklingen. Ein romantisch weicher Klang entsteht, wenn das Schwellwerk mit dem Prinzipal 8´im Hauptwerke gekoppelt, und beide Prinzipal Register auf Schwebung gestimmt werden.

 

 

Orgel Liebfrauenkirche : Das Oberwerk

 

Zum Osterfest 2011 werden in die C- und CIS Pedaltürme der Pfeifenorgel zwei Lautsprechersysteme als fest installiertes Oberwerk eingehängt. Die 10 Zoll Tief-Mittelton-Lautsprecherchassis und 1 Zoll Hochton-Hornsysteme verfügen über hohe Wiedergabelautstärken (Wirkungsgrade). Für diese Anwendung werden speziell konstruierte Bassreflexlautsprechergehäuse aufgebaut. Zur Ansteuerung der Lautsprecher steht im Endstufenrack hinter der Orgel ein digitaler Class-D Verstärker mit digitalem Signalprozessor. Als Midi-Expander für das Oberwerk ergänzt ein Ahlborn Archive Module 202 die vorhandenen Register der Pfeifenorgel.

 

 

Die Lautsprecher vom Oberwerk sind nur mit starker Beleuchtung direkt von vorne im oberen Drittel der Pedaltürme im Orgelprospekt sichtbar. Hoch oben hängen vertikal über den 10 Zoll Tief-Mittelton-Lautsprechern die Hochton-Hornlautsprecher. Davor steht im Pedalprospekt die Oktave 8´, direkt dahinter ist der der hölzerne Subbass 16´ angeordnet.

 

Auf dem Orgelspieltisch im Vordergrund oben = Ahlborn Archive Module 202 für das Oberwerk. Darunter = Ahlborn Archive Module 201 für das Fernwerk

 

 

 

Der freistehende Spieltisch steuert 3 Orgeln:

Pfeifenorgel + Fernwerk + Oberwerk

 

 

Sommerliche Abendstimmung auf der Marienburger Höhe: Vom Marienburger Platz herüber weht der Duft von frisch gebratenen Hähnchen. Etliche Amseln sitzen in den Grünanlagen der Universität und zwitschern ihr Lied zur guten Nacht um die Wette. Die kupfernen Portaltüren der Liebfrauenkirche sind angenehm erwärmt von der rötlich untergehenden Abendsonne. Das Innere der Liebfrauenkirche wird erfüllt mit festlicher und besinnlicher Orgelmusik

 

Christoph Klug, Hildesheim, 2011